Methodik · 7 MIN

Ein Altsystem ablösen: schrittweise statt am Stichtag

Wie sich ein Altsystem Modul für Modul ablösen lässt: eine Weiche vor dem System, eine Reihenfolge aus Abhängigkeiten und ein Parallelbetrieb mit Abgleich.

Ein Altsystem ablösen: schrittweise statt am Stichtag
LUOGO
Adenau
AUTORE
Aashwin Shrivastava
PUBBLICATO
14 set 2026
IMMAGINE
GENERATO CON IA

Nehmen wir als ausgedachtes Beispiel einen Großhändler für Industriebedarf. Seine Warenwirtschaft ist über viele Jahre im eigenen Haus gewachsen: Stammdaten, Kunden, Artikel, Aufträge, Lager, Einkauf, Rechnungen, Angebote, Mahnwesen und Versand, zehn fachliche Module in einer Anwendung. Nun soll ein Kundenportal Aufträge direkt übergeben, und das Altsystem hat dafür keine Schnittstelle, die jemand noch anfassen möchte.

Der naheliegende Plan heißt Neubau und Umstellung an einem festen Tag. Der andere Plan zieht die Module einzeln um, lässt Alt und Neu eine Zeit lang nebeneinander laufen und schaltet das Altsystem erst ab, wenn nichts mehr darauf zugreift. Welcher Plan trägt, hängt weniger an der Technik als an den Abhängigkeiten zwischen den Modulen, und die lassen sich vorher aufschreiben und durchrechnen.

01. Warum ein Stichtag so viel auf einen Tag legt

Bei einer Umstellung an einem Stichtag passiert alles gleichzeitig: Die Daten werden übertragen, alle Schnittstellen zeigen auf das neue System, alle Nutzer arbeiten ab Montag in neuen Masken. Jeder dieser Schritte kann einzeln gelingen und im Zusammenspiel trotzdem scheitern, und der Fehler zeigt sich erst, wenn der erste echte Auftrag durchläuft.

Ein Stichtag gleicht dem Umzug einer Werkhalle an einem Wochenende. Klemmt am Montag eine Maschine, steht die ganze Halle, weil die alte Aufstellung bereits abgebaut ist. Dazu kommt, dass sich eine Umstellung schwer zurücknehmen lässt, sobald im neuen System die ersten Belege entstanden sind: Wer zurückschaltet, muss diese Daten wieder in das Altsystem bringen.

Daraus folgt nicht, dass ein Stichtag immer falsch ist. Es folgt, dass das Risiko eines Stichtags mit der Zahl der Module wächst, die an diesem Tag gemeinsam funktionieren müssen. Genau diese Zahl lässt sich mit einer schrittweisen Ablösung klein halten.

02. Eine Weiche vor dem Altsystem

Martin Fowler beschreibt das Vorgehen unter dem Namen Strangler Fig, nach einer Feige, die an einem Wirtsbaum emporwächst, bis sie ihn ersetzt. Neue Funktionen entstehen getrennt vom Altsystem, beide laufen während des Übergangs nebeneinander, und das Verhalten wandert schrittweise vom alten in das neue System. Fowler betont, dass die Zerlegung in einzeln ersetzbare Teile der eigentliche Kern ist.

Anfragen laufen über eine Weiche Schema: Vertrieb, Lager und Kundenportal schicken ihre Anfragen an eine hervorgehobene Weiche. Die Weiche leitet sie entweder an das Altsystem mit acht Modulen oder an das Neusystem, in das Versand und Angebote bereits umgezogen sind. Nutzer und Fremdsysteme Vertrieb Lager Kundenportal Weiche leitet jede Anfrage an das zuständige System Altsystem Stammdaten Kunden Artikel Aufträge Lager Einkauf Rechnungen Mahnwesen Neusystem Versand Angebote Stand nach Stufe 1 im Beispiel Anfragen laufen über eine Weiche Schema: Vertrieb, Lager und Kundenportal schicken ihre Anfragen an eine hervorgehobene Weiche. Die Weiche leitet sie entweder an das Altsystem mit acht Modulen oder an das Neusystem, in das Versand und Angebote bereits umgezogen sind. Nutzer und Fremdsysteme Vertrieb Lager Kundenportal Weiche leitet jede Anfrage an das zuständige System Altsystem Stammdaten Kunden Artikel Aufträge Lager Einkauf Rechnungen Mahnwesen Neusystem Versand Angebote Stand nach Stufe 1 im Beispiel
Die Weiche ist die einzige neue Stelle, die alle Beteiligten kennen müssen. Hinter ihr kann ein Modul nach dem anderen umziehen, ohne dass Portal, Lager oder Vertrieb ihre Anbindung ändern.

Technisch braucht das eine Stelle, an der sich entscheiden lässt, welches System eine Anfrage bearbeitet. Das kann eine vorgeschaltete Schnittstelle sein, über die Portal, Lager und Buchhaltung ohnehin sprechen, oder eine Datenbanksicht, hinter der die Tabellen umgezogen werden. Diese Weiche ist Übergangsarchitektur: Sie kostet Aufwand, obwohl sie am Ende wieder verschwindet, und sie ist trotzdem der Grund, warum jeder einzelne Umzug klein bleibt.

Fehlt eine solche Stelle, weil Nutzer und Fremdsysteme direkt in die Datenbank des Altsystems schreiben, beginnt die Ablösung mit ihrem Bau. Dieser erste Schritt bringt fachlich noch nichts Neues, er macht aber sichtbar, wer das Altsystem überhaupt benutzt.

03. Welches Modul zuerst umzieht

Nicht jedes Modul kann jederzeit umziehen. Die Rechnungen brauchen die Aufträge, die Aufträge brauchen die Kunden, und das Mahnwesen braucht die Rechnungen. Eine solche harte Abhängigkeit heißt: Ein Modul kann erst im neuen System laufen, wenn seine Voraussetzung dort bereits läuft, oder es zieht in derselben Stufe mit ihr um.

Harte Abhängigkeiten bestimmen die Stufe Zehn Module in zwei Reihen, jedes mit der Nummer seiner Stufe. Pfeile zeigen, dass Mahnwesen die Rechnungen braucht, Rechnungen die Aufträge und Aufträge die Kunden. Der Pfeil von Rechnungen zu Aufträgen ist hervorgehoben, beide ziehen gemeinsam in Stufe 4 um. Versand Stufe 1 Angebote Stufe 1 Einkauf Stufe 2 Lager Stufe 2 Artikel Stufe 3 Kunden Stufe 3 Aufträge Stufe 4 Rechnungen Stufe 4 Mahnwesen Stufe 5 Stammdaten Stufe 5 gekoppelt in Stufe 4 braucht (harte Abhängigkeit) ziehen gemeinsam um Harte Abhängigkeiten bestimmen die Stufe Zehn Module in zwei Reihen, jedes mit der Nummer seiner Stufe. Pfeile zeigen, dass Mahnwesen die Rechnungen braucht, Rechnungen die Aufträge und Aufträge die Kunden. Der Pfeil von Rechnungen zu Aufträgen ist hervorgehoben, beide ziehen gemeinsam in Stufe 4 um. Versand Stufe 1 Angebote Stufe 1 Einkauf Stufe 2 Lager Stufe 2 Artikel Stufe 3 Kunden Stufe 3 Aufträge Stufe 4 Rechnungen Stufe 4 Mahnwesen Stufe 5 Stammdaten Stufe 5 braucht (harte Abhängigkeit) gekoppelt in Stufe 4
Drei harte Abhängigkeiten reichen, um die Rechnungen bis in Stufe 4 zu verschieben. Weil die Aufträge erst nach den Kunden umziehen können, wechseln Aufträge und Rechnungen gemeinsam.

Daraus ergibt sich eine einfache Regel. Zuerst ziehen Randmodule um, auf die sich kein anderes Modul stützt, im Beispiel etwa Versand und Angebote. Ein früher Umzug an einer Stelle mit wenig Verkehr zeigt, ob Weiche, Datenabgleich und Betrieb funktionieren, bevor ein Modul an der Reihe ist, von dem der Umsatz abhängt.

Schwieriger sind Module, die sich gegenseitig brauchen oder deren Voraussetzung selbst lange warten muss. Dann entstehen gekoppelte Umzüge, bei denen zwei Module in derselben Stufe wechseln. Eine gekoppelte Stufe ist ein kleiner Stichtag innerhalb der schrittweisen Ablösung, und sie verdient die gründlichste Vorbereitung.

04. Den Stufenplan selbst durchrechnen

Der Rechner setzt diese Regeln um. Er nimmt eine Liste fachlicher Module, verteilt einen einstellbaren Anteil harter Abhängigkeiten und plant daraus Stufen, in denen höchstens so viele Module umziehen wie eingestellt. Schalten Sie zwischen Stichtag und schrittweise um und beobachten Sie, in welcher Stufe das Modul Rechnungen wechselt und ob die Stufe gestrichelt als Risiko markiert ist.

Demonstration · Beispielwerte Ablösung in Stufen, Reihenfolge aus Abhängigkeiten

Balken: Module je Stufe · Linie: Anteil der Anfragen im Neusystem

Strategie

Harte Abhängigkeit heißt: Ein Modul zieht erst um, wenn seine Voraussetzung im neuen System läuft.

Ablösung eines Altsystems in Stufen: Module in Alt, Parallelbetrieb und Neu 10 Module, 5 Stufen. Gestapelte Balken je Stufe: unten Module im Neusystem, in der Mitte Module im Parallelbetrieb, oben Module im Altsystem. Eine Linie zeigt den Anteil der Anfragen im Neusystem. Dreiecke unter den Balken markieren Stufen, in denen Module auf ihre Voraussetzung warten. 1 Stufe ist gestrichelt als Stichtag-Risiko umrandet. Module Anteil 0 %50 %100 %100Start11213145Aus
  • Altsystem
  • Parallelbetrieb
  • Neusystem
  • Anteil Anfragen im Neusystem
  • Module warten auf ihre Voraussetzung (Anzahl)
  • Stichtag-Risiko: gekoppelter Umzug oder alles auf einmal
  1. Stufe 1 Versand, Angebote Mahnwesen wartet auf Rechnungen
  2. Stufe 2 Einkauf, Lager Rechnungen wartet auf Aufträge
  3. Stufe 3 Artikel, Kunden Aufträge wartet auf Kunden
  4. Stufe 4 Aufträge, Rechnungen Rechnungen gekoppelt an Aufträge
  5. Stufe 5 Mahnwesen, Stammdaten
5 Stufen, 1 mit Stichtag-Risiko. Rechnungen zieht in Stufe 4 um.
Stufen bis zur Ablösung
5
Höchstens parallel
2 von 10
Module in Stufe 1
20 %
Stufen mit Stichtag-Risiko
1
Alle Werte sind Rechenergebnisse mit Beispielwerten und keine Projektkennzahlen. Gezählt werden Stufen, keine Wochen.

Mit den Beispielwerten der Voreinstellung, zehn Modulen, zwei Modulen je Stufe und drei harten Abhängigkeiten, entstehen fünf Stufen. Die Rechnungen ziehen erst in Stufe 4 um, gekoppelt an die Aufträge, die ihrerseits auf die Kunden warten. Als Stichtag gerechnet wechseln alle zehn Module in einer Stufe, und alle drei Abhängigkeiten werden zu gekoppelten Umzügen. Mit nur einem Modul je Stufe verschwindet das Risiko ganz, dafür wächst der Plan auf zehn Stufen.

Die Zahlen sind Stufen und keine Wochen. Wie lange eine Stufe dauert, hängt vom Modul, von den Daten und vom Parallelbetrieb ab. Was der Rechner zuverlässig zeigt, ist die Struktur: welche Module warten, wo Kopplungen entstehen und welcher Hebel sie auflöst.

05. Parallelbetrieb heißt vergleichen

Während ein Modul umzieht, laufen Alt und Neu eine Stufe lang parallel. Das bringt nur dann Sicherheit, wenn beide Ergebnisse verglichen werden. Die Weiche schickt dieselbe Anfrage an beide Systeme, maßgeblich bleibt zunächst das Altsystem, und jede Abweichung landet in einem Protokoll, das jemand liest.

Parallelbetrieb mit Vergleich Ablaufschema: Eine Anfrage geht über die Weiche gleichzeitig an das maßgebliche Altsystem und an das Neusystem. Beide Ergebnisse laufen in einen hervorgehobenen Vergleich. Gleiche Ergebnisse zählen für das Abschaltkriterium, abweichende werden protokolliert und geklärt. Die Antwort an den Nutzer kommt weiter aus dem Altsystem. Anfrage Weiche Altsystem maßgeblich Neusystem Schatten Vergleich gleich zählt für das Abschaltkriterium abweichend Protokoll, Regel klären Antwort an den Nutzer Parallelbetrieb mit Vergleich Ablaufschema: Eine Anfrage geht über die Weiche gleichzeitig an das maßgebliche Altsystem und an das Neusystem. Beide Ergebnisse laufen in einen hervorgehobenen Vergleich. Gleiche Ergebnisse zählen für das Abschaltkriterium, abweichende werden protokolliert und geklärt. Die Antwort an den Nutzer kommt weiter aus dem Altsystem. Anfrage Weiche Altsystem maßgeblich gleichzeitig Neusystem Schatten Vergleich gleich zählt für das Abschaltkriterium oder abweichend Protokoll, Regel klären
Im Parallelbetrieb antwortet weiter das Altsystem. Das neue System rechnet mit, und erst der Vergleich macht aus zwei laufenden Systemen einen Beleg dafür, dass das neue trägt.

Vor dem Umschalten sollte schriftlich feststehen, wann der Parallelbetrieb endet: etwa wenn über einen vereinbarten Zeitraum keine ungeklärte Abweichung mehr auftritt und alle bekannten Sonderfälle mindestens einmal durchgelaufen sind. Ohne ein solches Kriterium bleibt der Parallelbetrieb aus Vorsicht bestehen, und das Team pflegt zwei Systeme länger als geplant.

Abweichungen sind dabei nicht immer Fehler des neuen Systems. Oft zeigt der Abgleich eine Regel, die im Altsystem nie dokumentiert wurde, etwa eine Rundung oder einen Rabatt, der nur für eine Kundengruppe gilt. Solche Funde gehören in die Beschreibung des neuen Moduls, bevor das alte abgeschaltet wird.

06. Wem die Daten während der Ablösung gehören

Die heikelste Frage einer schrittweisen Ablösung betrifft die Daten. Solange ein Modul in beiden Systemen existiert, braucht jedes Datenobjekt genau ein führendes System: Kundenstammdaten werden entweder im alten oder im neuen System geändert, nie in beiden. Das andere System erhält eine Kopie, und die Richtung dieser Kopie wechselt erst mit dem Umzug des Moduls.

Praktisch heißt das, früh eine Zuordnungstabelle für Kennungen anzulegen, weil das neue System eigene Nummern vergibt, und festzulegen, wie oft und in welche Richtung abgeglichen wird. Wer an beiden Enden gleichzeitig schreiben lässt, erzeugt Konflikte, die sich später kaum noch auflösen lassen.

07. Wenn eine Funktion früher gebraucht wird, als ihr Modul umziehen kann

Im Beispiel soll das Kundenportal früh Aufträge übergeben, das Modul Aufträge kann aber erst in Stufe 4 umziehen. Der Stufenplan beantwortet die Frage deshalb nicht allein. Eine Zwischenlösung an der Weiche kann Aufträge aus dem Portal annehmen, prüfen und über den vorhandenen Weg in das Altsystem schreiben, bis das neue Modul bereitsteht.

Eine solche Zwischenlösung ist bewusst Übergangscode. Sie sollte so gebaut sein, dass sie später vor das neue Modul umgehängt oder entfernt werden kann, und sie gehört mit einem Datum für ihre Überprüfung in den Plan. Sonst wird aus der Übergangslösung ein weiteres Altsystem.

08. Wann der Stichtag doch die bessere Wahl ist

Eine schrittweise Ablösung kostet Weiche, Parallelbetrieb und Datenabgleich. Diese Kosten lohnen sich nicht in jedem Fall. Ein kleines System mit wenigen Nutzern und ohne Anbindungen lässt sich oft sauberer an einem gut vorbereiteten Tag umstellen.

  1. Das System ist klein: Wenn alle Module an einem Tag getestet werden können, bringt die Zerlegung wenig.
  2. Es gibt keine Stelle für eine Weiche: Eine Anwendung, deren Daten nur über ihre eigene Oberfläche erreichbar sind, lässt sich schwer abschnittsweise umleiten.
  3. Das Datenmodell lässt sich nicht teilen: Wenn fast jede Tabelle von fast jedem Modul geschrieben wird, entstehen in jeder Stufe gekoppelte Umzüge.
  4. Der Parallelbetrieb ist teurer als das Risiko: Wenn ein Ausfall von einem Tag verkraftbar ist, darf die Vorbereitung schlanker ausfallen.

Auch dann bleibt ein Teil der Methode nützlich. Die Liste der Module und ihrer Abhängigkeiten zeigt, was am Stichtag gemeinsam funktionieren muss, und damit, was vorher gemeinsam getestet werden sollte.

09. Womit Sie beginnen können

Die ersten Schritte folgen derselben Logik wie der Stufenplan, und sie lassen sich im eigenen Haus beginnen. Zuerst entsteht eine Liste der fachlichen Module mit ihren Nutzern, Datenflüssen und harten Abhängigkeiten, gezählt statt geschätzt. Danach wird jede Verbindung zu anderen Systemen wie ein Vertrag beschrieben: Format, Richtung, Verhalten im Fehlerfall und Zuständigkeit.

Mit dieser Liste lässt sich ein Randmodul als erster Kandidat wählen, und an ihm zeigt sich, ob Weiche, Abgleich und Betrieb tragen. Welche Unterlagen ein neues Modul braucht, bevor ein anderes Team es betreibt, beschreibt der Leitfaden Vom Proof of Concept in den Regelbetrieb. Was beim Betrieb im eigenen Haus zu klären ist, steht unter Eine Anwendung im eigenen Haus betreiben, und woran sich Abkürzungen im Code zeigen, die jeden weiteren Umzug verteuern, unter Technische Schulden erkennen.

Soll ein Dienstleister die Ablösung begleiten, hilft der Leitfaden Prototyp weiterentwickeln lassen bei der Auswahl. Einen Überblick über Softwareentwicklung bei iiterate gibt die Seite Softwareentwicklung.

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Wayne Dyer

“Se cambiate il modo in cui guardate le cose, le cose che guardate cambiano.”