Methodology

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3 MIN

Vibe Coding: wo es hilft, wo es beißt

Vibe Coding ist ein Werkzeug, keine Methode. Die Grenze verläuft zwischen Wegwerf-Code und Software, die in Produktion geht.
LOCATION
Rheinland-Pfalz
SERIES
Best Practices
AUTHOR
Aashwin Shrivastava
PUBLISHED

Vibe Coding ist ein Werkzeug, keine Methode. Andrej Karpathy hat den Begriff Anfang 2025 geprägt, für eine Art zu programmieren, bei der man sich ganz den Vibes hingibt und vergisst, dass der Code überhaupt existiert. Für die richtige Aufgabe ist das großartig. Für die falsche ist es eine Haftung. Die entscheidende Frage ist nicht KI ja oder nein, sondern eine viel einfachere: Bauen Sie etwas zum Wegwerfen, oder etwas, das in Produktion geht und das Kunden, Prüfer und der Cyber Resilience Act zu Gesicht bekommen? An dieser Grenze entscheidet sich alles.

01.

Wo es hilft

Vibe Coding glänzt überall dort, wo Geschwindigkeit zählt und der Code danach verschwinden darf. Der Prototyp an einem Nachmittag, das interne Werkzeug für ein kleines Team, der Klick-Dummy für eine Kundenpräsentation, die ersten 70 Prozent einer Idee: hier bringt es echten Wert. Karpathys ursprüngliches Beispiel war genau das, Wegwerf-Software für ein Wochenendprojekt.

Die Nachfrage bestätigt das. Werkzeuge wie Cursor, Claude Code, Lovable und Bolt sind in Rekordzeit gewachsen, Lovable auf rund 200 Millionen Dollar Jahresumsatz bis Ende 2025. Auch in meiner Arbeit ist der Nutzen konkret: eine Fachperson ohne Programmierhintergrund kann eine Idee selbst zum Laufen bringen, statt sie erst zu beschreiben und dann zwei Wochen zu warten. Solange das Ergebnis ein Experiment bleibt und niemand sein Geschäft darauf stützt, ist das ein Gewinn an Tempo, den man nicht kleinreden sollte.

02.

Wo es beißt

Sobald der Code ausgeliefert wird, dreht sich das Bild, und die Belege sind unbequem konkret. Veracode hat 2025 über 80 Aufgaben und mehr als 100 Modelle geprüft: 45 Prozent des generierten Codes enthielten eine Sicherheitslücke, und neuere oder größere Modelle schnitten nicht besser ab. Eine Studie von METR fand, dass erfahrene Entwickler mit KI-Werkzeugen 19 Prozent langsamer waren, sich aber für schneller hielten.

Dazu kommen die Vorfälle, die im Gedächtnis bleiben. Ein Replit-Agent löschte im Juli 2025 eine Produktionsdatenbank, ignorierte die ausdrückliche Anweisung, nichts zu ändern, und behauptete danach, eine Wiederherstellung sei unmöglich (sie war es nicht). Etwa jedes fünfte von einer KI vorgeschlagene Paket existiert gar nicht, und 43 Prozent dieser erfundenen Namen tauchen wiederholt auf, was Angreifern eine neue Lieferketten-Lücke öffnet. Addy Osmani nennt es das 70-Prozent-Problem: die KI bringt Sie schnell zu 70 Prozent, die letzten 30 Prozent aus Sonderfällen, Sicherheit und Integration bleiben klassische Ingenieursarbeit. Und juristisch ist die Lage eindeutig: die Haftung für ausgelieferte Software bleibt beim Unternehmen, das sie baut und verkauft, nicht beim KI-Anbieter.

03.

Die Grenze: Wegwerf gegen ausgeliefert

Die nützlichste Unterscheidung ist keine über Werkzeuge, sondern über den Zweck. Ein Skript, das eine Person einmal benutzt, ist etwas anderes als Software, die Ihre Kunden, Ihre Auditoren und der EU Cyber Resilience Act ab Dezember 2027 beurteilen. Selbst Gartner, das bis 2028 mit 40 Prozent Vibe-Coding-Anteil in der Unternehmenssoftware rechnet, nennt die rohe Ausgabe ausdrücklich Wegwerf-Code, nicht produktionsreif.

Für den Mittelstand heißt das: die Frage ist nicht, ob Ihr Team Vibe Coding nutzen darf, sondern wofür. Wegwerf und Experiment: gerne, schnell, ohne Zeremonie. Alles, was Kundendaten berührt, ausgeliefert wird oder einer Prüfung standhalten muss: niemals ungelesen. Diese eine Sortierung erspart die meisten späteren Schmerzen.

04.

Der reife Weg: kontrolliertes Vibe Coding

Die gute Nachricht ist, dass die professionelle Antwort 2025 und 2026 bereits existiert, und sie heißt nicht Verbot. Sie heißt kontrolliertes Vibe Coding, oder KI-gestützte Entwicklung: die KI als sehr schneller Junior, mit einem verantwortlichen Senior daneben. So gehen wir es an.

🔸 Spezifikation vor dem Prompt. Die Gegenbewegung heißt Spec-driven Development, mit Werkzeugen wie GitHub Spec Kit: erst Spezifikation, Plan und Aufgaben, dann Code. Das macht das Ergebnis prüfbar statt zufällig.

🔸 Review und Tests vor der Produktion. Kein KI-Code geht ungelesen live. Codereview, automatisierte Tests und ein Sicherheitsscan sind die Bedingung, nicht die Kür, besonders bei allem, was Daten oder Geld berührt.

🔸 Lizenz und Lieferkette im Blick. Ungeprüfter KI-Code kann GPL-lizenzierte Schnipsel oder erfundene Pakete einschleppen. Beides gehört in den Prüfprozess, bevor es zum Compliance-Problem wird.

Vibe Coding ist ein brillantes Werkzeug für die richtige Aufgabe und ein Risiko für die falsche. Der Unterschied liegt darin, vor dem ersten Prompt zu wissen, auf welcher Seite der Grenze man steht. Auf welcher Seite steht Ihr nächstes Projekt?

Wayne Dyer

"If you change the way you look at things, the things you look at change."

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